Geschichten und Anekdoten, Teil 1
(aus Gesprächen mit Karl Ebert und Heinz G. Huber)
Eine Mühle am Stangenbach?
Da wo jetzt der Wendel (Nock) wohnt, da sei eine Mühle gewesen ... Unter dem Altensteg war ein Teich, den haben wir "s´Becke Teich" genannt. Das Wasser war ziemlich tief, das ist manchmal bis fast an den Hals gegangen. Da war noch eine "Rossel" da und man konnte auch absperren, da haben wir immer gebadet. Und dort soll die Mühle gewesen sein, oben am Altensteg. ... Mehr weiß ich nicht, das hat meine Großmutter immer gesagt: Da war eine Mühle.
(Erna Winkler, geb. Nock, Jg. 1922)
Nachtwächter in Zusenhofen, alte Sagen:
Der Vater meiner Mutter war einer der letzten Nachtwächter, Nikolaus Huschle, ebenso der Wolf, der Großvater der Frau Fey. Der Wolf ist ab und zu gekommen und hat gesagt: "Klaus, steh auf! Ich hab’s Wäsch-Kätherli gesehen da unten." Da ist er halt aufgestanden und mitgegangen. Und das war dort bei‘s Klumpe, aber es war nur eine Katze, die Fische gefangen hat. Das war halt das Wäsch-Kätherli, da hat er Todesangst ausgestanden. Oder ein anderes mal ist er gekommen und hat gesagt: "Klaus, ich hab’s Dorftier gesehen!" Da ist er halt aufgestanden, jetzt war’s ein Geißbock, der sich losgerissen hat.
Der Nachtwächter musste herumlaufen und rufen: "Hört ihr Leute lasst euch sagen: Die Glock hat zehn geschlagen", oder "hat zwölf geschlagen".

(Erna Winkler, geb. Nock, Jg. 1922)
Kirchgang nach Nußbach
Wir sind nach Nußbach in die Kirche. Am Morgen sind wir hinauf gegangen. Und wenn der Gottesdienst beendet war, ist da die achte Klasse gestanden, die Reihe dahinter war die siebte Klasse, dann die sechste, die fünfte und die vierte. So sind wir hintereinander gelaufen, bis wir in Zusenhofen bei der Schule waren, wenn wir Schülergottesdienst hatten. In diesen Reihen sind wir selbständig ohne Lehrer hinauf und hinunter gelaufen. Aber wehe, wenn eins von einer Klasse in die Reihe der anderen Klasse nach vorne gewechselt hat! Das war schon immer so, das haben wir übernommen. Wir waren die erste Klasse, die 1936 in Zusenhofen aus der Kirche entlassen worden ist. Vorher mussten wir alle zweimal in der Woche nach Nußbach in den Schülergottesdienst und jeden Sonntag zweimal nach Nußbach ins Amt vormittags und in den Nachmittagsgottesdienst, und alles immer zu Fuß. Sogar wenn eine Taufe war, sind sie zu Fuß gegangen. Mit den Fahrrädern war da nichts drin. Die Klassen sind immer zusammen gelaufen.
(Franziska Strauß, geb. Scheibel, Jg. 1921)
Volkslieder unterm Lindenbaum:
Früher hat man Lieder gesungen unterm Lindenbaum. Da sind wir angezeigt worden. Mein Bruder hat so einen Pensionär vom Gericht oder Finanzamt in der Wohnung gehabt. Der ist oft aufs Rathaus gerannt und hat uns angezeigt, wenn wir gesungen haben. Kinder haben sie keine gehabt. Minder hat er geheißen. Von der Gemeinde hat er verlangt, sie soll eine Lampe hin machen, damit er uns kennt, wenn wir singen. Dann hab ich ein Gedicht gemacht ...
Von auswärts ist er gewesen, in Zusenhofen ist es passiert,
Ein fremdes Großmaul ist einlogiert.
Er wohnt in einem schönen Haus,
Und da hat er schon gehalten manch schönen Schmaus.
Sein Viehbestand sind Hasen und Roller
Und mit denen wird es täglich toller.
Es ist vorgekommen,
Dass man ihm einen Hasen hat aus dem Stall genommen.
Der Hase ist in den Sack gehopst,
Darauf hat man ihm das Genick verklopft.
Das Fräulein ist heraus auf Verdacht
Dann hat der Mann sie aufs Rathaus gebracht...
Sie hat auch verboten das Singen am Lindenbaum in der Nacht.
Drum wird ihr jetzt zum Abschied noch ein Liedchen gemacht:
Muss ich denn, muss ich denn zum Dörfele hinaus,
Dörfele hinaus und du mein Lindenbaum bleibst hier.
Wir waren am Lindenbaum nicht nur Buben, es waren auch Mädel dabei. Wo sollten wir denn sonst hin gehen? Wirtschaft war nicht drin. Die Bänkle sind erst später hin gekommen. Wir sind halt so am Boden gesessen. ... Wir haben uns so ein- oder zweimal in der Woche getroffen, meistens am Sonntag. Am Abend oder am Sonntag auch am Nachmittag, wie man eben Zeit gehabt hat... Die Linde ist etwa 700 Jahre alt, das haben die alten Leute erzählt ... Wir haben alte Volkslieder gesungen z. B. "Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum. Ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum". Zum Teil hat man sie selbst gelernt. In der Schule hat man sie auch schon nicht mehr gelernt. Wie dann das elektrische Licht gekommen ist, hat es langsam aufgehört.
(Alois Müller, Jg. 1912)
Elektrisches Licht:
Das elektrische Licht ist anno 18 gekommen, aber da draußen war noch keines. Das war am Endes des Ersten Weltkrieges, da war ich 6 Jahre alt. Das denkt mir noch ganz gut... Ich hab immer Erdöl bei‘s Lebfromms in so einer Literflasche holen müssen. Und da haben sie so ein Hähnle gehabt und einen weißen Behälter von 20 Liter. Und dann haben sie die Erdöllampen gefüllt. Später ist man hingegangen und hat wie ein Standglas einen Spiegel in Tellergröße dahinter angebracht, dann war es fünf mal so hell.
(Alois Müller, Jg. 1912)
Freizeit für Mädchen vor dem Krieg
Da war nicht viel geboten. Wir sind mal zum Tanz in die "Stadt Straßburg" in Oberkirch gegangen. Wir Mädel haben uns getroffen und dann sind wir mit dem Fahrrad weggefahren, mal sind wir auf die Schauenburg oder hinten hin nach Peterstal. Dann sind wir auf den Tanz oder wir sind so gewandert....
In Zusenhofen gab es nur ein Mal im Jahr ein Fest vom Musikverein und vom Gesangverein. Das war drin bei Kimmigs Matt, wo heute Schirmers wohnen. Wir haben auch noch richtige alte Volkslieder gesungen, z.B. "Im grünen Wald, da steht ein Försterhaus". Mädel und Kerle waren getrennt. Nur wenn eine mit einem gegangen ist, ist sie bei ihm gehockt. Allerdings konnten wir nicht bis tief in die Nacht bleiben, wie es heute ist. Normal musste ich um 8 Uhr abends daheim sein.

(Franziska Strauß, geb. Scheibel, Jg. 1921)
Die Schweinehirtin
Die Flori Madlen hat die Schweine gehütet und auf die Weide getrieben. Sie war eine arme Frau und wurde von der Gemeinde bezahlt. Sie hat mit einer Päper Signal gegeben und bei der Schule nochmals extra. Dann wurden die Ställe geöffnet und die Schweine sind mit ihr gegangen, wie dressiert. Die Schweine wurden auf die Sauweide im Zinken, Richtung Erlach, getrieben. Dort war ein Bretterverschlag. Sie bekam oft Brot, Butter und Eier von den Leuten. Sie hatte 4 Kinder, jedes von einem anderen Mann.
(Olga Huschle, geb. Lebfromm, Jg. 1908)
Holzschuhe
Früher haben alle, auch die Kinder, im Winter Holzschuhe getragen, die waren halt billiger. Die hat man kaufen müssen... Ein Schumacher hat die auch selbst machen können, das waren ja nur Holzsohlen und ein Stück Leder oben drauf. Die Holzschuhe, die wir als Kinder getragen haben, die sind vorne geschnürt worden. Da ist das Leder ein bisschen weiter herauf gegangen. Die Sohlen waren aus Holz und steif. Sie haben mordsmäßig gekleppert. Aber warm haben sie eigentlich gehalten. Im Sommer sind wir meistens barfuß gelaufen.
(Franziska Ebert, Jg. 1925)
Die Badische Revolution und der Stammtisch im "Hirsch"
Der ursprüngliche "Hirsch" befand sich früher im "Huseppe-Haus", bei der Fußgängerampel. Dass diese Bierstube aufgelöst worden ist, hing auch mit der Badischen Revolution zusammen, weil man da drin Versammlungen durchgeführt hat. Das hat der alte "Hirsch"-Wirt Karl Baumann erzählt, das war der Sohn des Baumann, dem die Wirtschaft wegen der Revolution geschlossen wurde. Ob die Wirtschaft auch schon "Hirsch" geheißen hat, weiß ich nicht. Ich habe immer nur von einer Bierstub gehört. Und dass der Stammtisch mitgenommen worden ist, das sei sehr wichtig gewesen, der war praktisch ein Symbol. Das war danach auch das Stammlokal der SPD.
(Willy Fieß, Jg. 1931)
Die Alte Rench bei Zusenhofen
Früher ist hier auch der Lauf der Rench durchgegangen, und in einer Strömung war Kies und in der anderen Sand... Denn die Rench ist ja früher wild da durchgelaufen, je nachdem wie das Wasser gewesen ist. Nicht ganz vom Stangenbach ab bis zum Binzigwald war früher alles wilder Renchlauf. Es waren drei Adern von oben herunter und unten haben sie sich ein bisschen verteilt, wenn es viel Wasser gehabt hat. Wie der Rhein in die Nordsee geht, so hat die Rench ein Delta gehabt. Eine Strömung hat den Sand gebracht und ist daher gelaufen, die andere hat den Kies gebracht und ist daneben her gelaufen. Ein bisschen Wasser ist auch den Stangenbach hinunter
(Josef Huber, Jg. 1916)
Hitler und die Kuh von Müller Wendel (1938)
Früher war der Stierstall da vorne bei’s Lebfromme, da wo jetzt der Frisörladen drin ist. Wie im August/September (Spätsommer) 1938 mal eine Kuh "rindrig" war, hat mein Vater die Kuh wie alle im Dorf zum Stierstall geführt. Bei der Wirtschaft "Linde" stand früher die "Hitler-Linde", etwa da wo auch jetzt wieder eine Linde steht. Oben auf der "Hitler-Linde" war die Hitler-Fahne mit dem Hakenkreuz befestigt. Mein Vater ist einem begegnet, der zu ihm gesagt hat: "So Wendel, willst du ein Kälble holen?" Und mein Vater hat gesagt: "Seit der Satans-Fahnen da oben ist, klappt das nicht mehr so richtig!" Aber ob’s dann doch geklappt hat, weiß ich nicht ...
(Alfons Müller, Jg. 1938)