Geschichten und Anekdoten, Teil 2
Die "Revolver-Schmiede"
Mein Elternhaus war das "Schmidt-Seppe", weil früher eine Schmiede dabei war und ein Vorfahre Sepp hieß. Mein Vater hieß auch Josef, unser Familienname ist Braun. Ältere Leute erzählten mir, dass zwei Brüder meines Großvaters, der "Baschi" und der Jörg, das Elternhaus in der Steinstraße hatten. Beide waren ledig, kinderlos und Originale. Einer betrieb die Landwirtschaft und der andere die Schmiede. Zur Schmiede haben die Dorfbewohner immer die "Revolver-Schmiede" gesagt, weil er alles gespengelt und gemacht hat, auch Gewehre. Er konnte auch gut malen. Er hat auch an die Tür der Schmiede etwas gezeichnet und am Fenster hatte er einen Schimmel und ein Ross gezeichnet. Auf der Schmiede war der Hühnerstall. Oben an der Hühnerleiter hatte er auf der Tür einen Hahn und eine Henne gemalt und folgenden Spruch:
Hahn: "Hör meine liebe Henne, als deinen Mann musst du mich erkenne, musst alle fremden Gockel meiden, sonst tu ich dir den Hals abschneiden." Und die Henne hatte gesagt: "Ach mein lieber Gockelhahn, wenn das würde geschehen, würden die meisten Hühner ohne Kopf herumgehen."

(Rosa Haas, geb. Braun, Jg. 1910)
Hanf-Anbau im 1. Weltkrieg / Hanfrötze im Wäldele
Ich war noch dabei als der Hanf eingelegt wurde. Wir haben im 1. Weltkrieg noch Hanf gepflanzt. Er wurde auf dem Feld geerntet, zusammengebunden zu Schauben und auf den Wagen geladen. Wir hatten eine eigene Hanfrötze mit noch einmal zwei Nachbarn zusammen. Schon der Großvater hatte eine eigene Hanfrötze. Ich erhielt von der Mutter auch die Hanfrötzen. Dort finden heute die Wäldele-Feste statt. Es waren im Ganzen 5 ar. Für jedes war aber der Bereich abgeteilt. Als es nicht mehr benutzt wurde, wuchs es zu. Im ersten Weltkrieg haben wir noch einmal Hanf angebaut. Jedes hatte sein Fach, durch einen Graben wurde der kleine Weiher gespeist. In Wellen wurde der Hanf hineingelegt. Dann wurden ein paar Bretter darüber gelegt und mit Steinen beschwert. Ungefähr drei Wochen lag der Hanf im Wasser, wobei die Blätter abfaulten. Dann wurde der Hanf auf die Matten ausgelegt, die Schauben wurden aufgebunden und der Hanf verteilt. Er wurde umgekehrt und getrocknet. Wenn er trocken war, wurde er zusammengebunden und in die Scheune gesetzt. Im Winter schleißte man ihn. Mein Vater und meine zwei ältesten Brüder machten das. In Renchen wurde der Hanf gehechelt und geplauelt. Dann ließ man Seile und Stränge davon herstellen.
(Rosa Haas, geb. Braun, Jg. 1910)
Auswanderer nach Amerika (20er Jahre)
Mein Vater muss ca. 1908 nach Mannheim gegangen sein, er ist aber dann nach Zusenhofen zurück, weil alle seine Geschwister nach Amerika ausgewandert sind, bis auf den ältesten Bruder und Wilhelm. Auch Wilhelm ist kurz nach Amerika; weil aber Elsa nicht nachgekommen ist, ist er zurückgekommen. Die anderen Geschwister, 5 von insgesamt 8, sind nach Amerika. Der jüngste Bruder Alfred ist letztes Jahr in Amerika 95-jährig verstorben. Mein Vater erzählte oft, dass er besser in Mannheim geblieben wäre, da er für alle seine Geschwister als Erbanteil die Überfahrten nach Amerika bezahlen musste. Drei Geschwister hatten noch ein Hausrecht auf dem alten Haus, das später gelöscht wurde. Zu den Geschwistern bzw. ihren Kindern in Amerika besteht heute kein Kontakt mehr. Der Vater selbst hatte zu seinen Geschwistern noch Kontakt, allerdings ist eines nach dem anderen verstorben.
(Maria Ruf, geb. Ernst, Jg. 1923)
Überschwemmung 1947/48
1947 war der Damm in Oberkirch gegenüber der Sägerei Streif gebrochen. Wir hatten in 14 Tagen zweimal Hochwasser, zwischen Weihnachten und Neujahr und Neujahr und Drei Könige noch mal. Das war ja wahnsinnig! Da hat es wieder Schnee hingeworfen und dann hat es drein geregnet und der Föhn ist gekommen. Das Wasser ist am Bottenauer Weg durch und ist weiter unten in den Stangenbach herunter gelaufen. Das Weißenbächle ist übergelaufen. Beim "Brügel", wo jetzt der Egon ist, war alles voll mit Wasser. An der Nußbacher Straße war etwa die Grenze. Das "Sommerfeld" war dann wieder trocken. Bei uns ist das Wasser den Hof hinten vor gekommen. Und im Keller sind die Erdäpfel geschwommen. An der Bahn ist es herunter gelaufen bis hinunter in die "Hub". Wir sind mit einer ovalen Holzbütt, mit der wir früher die Rüben gewaschen haben, auf dem Wasser da hinunter gefahren wie mit einem Schiffchen. Dann haben wir Stecken gehabt und damit gesteuert. Dort unten beis Spitzmüllers musstest du machen, dass du herausgekommen bist und heraushopsen, sonst hätte es uns mitgenommen bis in den Stangenbach. In der Steini und den Rödelmatten war alles überschwemmt mit Sand. Da haben sie alles wegmachen müssen, dass sie wieder Futter holen konnten. In der Steini war es ja viehmäßig. Früher ist die Rench auch durch die Wassergasse und die Steingasse.
(Heinrich Fischer)
Armut
Die Leute waren sehr arm. Mir denkt noch, wie meine Mutter von der Inflation erzählt hat. Ich weiß noch, wie meine Mutter gesagt hat, jetzt hab ich so und so viel Geld. Heute Abend, wenn ich das geholt hab, hab ich nichts mehr. Wenn sie eine Mark gehabt hat und ein Brot geholt hat, hat es am Abend schon wieder viel mehr gekostet. Dann hat sie manchmal gesagt: Jetzt hab ich wieder keinen Zucker mehr, jetzt muss ich Süßstoff holen, damit ich wenigstens den Kaffee süßen kann. Sie hat Milch verkauft, dass sie ein bisschen Geld gehabt hat. Sie haben zwei Kühe gehabt. Mein Vater hat als Waldhüter nur 25 Mark verdient. Und wir waren 5 Kinder.
(Franziska Strauß, geb. Scheibel, Jg. 1921)
Waldrechte
Bei den Leuten gibt‘s den Freiwald und den Bosch. Vom Binzigwald hat man früher nichts gehört. In den 20er-Jahren war der Dienstag der Holztag. Da hast du in den Wald dürfen und das Holz zusammensuchen - ohne Beil und ohne Haumesser - nur Lesholz. Der Waldhüter hat das kontrolliert, der ist an diesem Tag durch den Wald geschlichen. Das war nur ein Tag. Wir haben auch immer Holz gesucht. Das ist praktisch eingeschlafen, weil keiner mehr Holz gebraucht hat. Bauholz zu holen war nicht erlaubt, solange es mir denkt. Früher haben nur die eingetragenen Bürger der Gemeinde geholt, was sie als Los gezogen haben: 1 Ster Holz oder 25 Wellen.
(Josef und Klara Ebert, Jg. 1918 und 1925)
Ein Massengrab am Lindenbaum nach einer Schlacht?
Vom Lindenbaum wurde erzählt, dass er Ausgangspunkt für einen Feldherrn in der Schlacht am Englischen Graben war... Der alte "Hirsch"-Wirt hat erzählt, am Lindenbaum sei ein Massengrab an der Stelle, wo vorher das Bildstöckel war. Das war direkt unter dem Lindenbaum, jetzt ist es ein bisschen weg versetzt. Der Text war nicht deutsch geschrieben, ich meine der Text war lateinisch. Es war in sehr schlechtem Zustand. Das Bildstöckel gehört nach der Erzählung vom alten "Hirsch"-Wirt Karl Baumann zu dem Massengrab. In dem Massengrab sollen Gefallene aus dem Kampf am Englischen Bach sein.
(Willy Fieß, Jg. 1931)
Einmarsch der französischen Truppen (1945)
Vorgeschichte:
Als zum Ende des 2. Weltkrieges ein junger SS-Offizier in Nußbach die Verteidigung des Dorfes "mit allen Mitteln" forderte, während die französischen Truppen am Stadelhofener Ortsausgang Halt machten, droht Zusenhofen zwischen beide Fronten zu geraten.
In dieser Situation spielte sich eine Episode ab, die Zusenhofen sicherlich vor schwerem Schaden bewahrte. Der aus Russland wegen Erfrierungen entlassene Zusenhofener Soldat Alois Müller hörte von den schweren Zerstörungen in einigen benachbarten Dörfern und beschloss, auf eigene Faust die Initiative zu ergreifen. Er ließ sich von seiner Nachbarin eine weiße Fahne aus einem Serviettentuch an einem Walholz machen und einen Fliederzweig anheften. Dies versteckte er in der Hose und fuhr auf seinem Fahrrad in Zivilkleidung nach Stadelhofen. Dort entdeckte er am Ortsrand vier mittelgroße Artilleriegeschütze, die auf Zusenhofen gerichtet waren. Er zeigte seine weiße Fahne und erfuhr, dass am nächsten Morgen um 5 Uhr der Angriff auf Zusenhofen beginnen sollte. Von einem Offizier wurde er im Jeep nach Renchen zum kommandierenden General gefahren. Diese Begegnung schildert Alois Müller folgendermaßen:
Jetzt hab ich dem erzählt, dass wir fünf Brüder waren und alle sofort am 28. August 39 den Stellungsbefehl bekommen haben, weil wir keine Nazis waren und es viele Nein-Stimmen in Zusenhofen gegeben hat, mehr als in ganz Offenburg. Da war er damit schon mal zufrieden. Dann hat er mich ausgefragt, ob der Wald zwischen Zusenhofen und Stadelhofen vermint ist, wegen der Panzersperren. An den Karten hab ich ihm gezeigt, dass nur ein Bauernwagen im Hof meines Bruders stand. Er sollte auf die Straße geschoben werden. Aber das ist doch kein Hindernis für einen Panzer! Dann hat er mich noch nach den Meisenbühler Bunkern befragt... Da hab ich drin gearbeitet, die haben geschossen bis nach Metz. Sie wollten wissen, ob die Bunker belegt sind. Aber das konnte ich nicht sagen... Ich hab ihm gesagt, was ich wollte: "Es ist der Wunsch der Zusenhofener Bevölkerung: Sie sollen unser Dorf verschonen! Wir haben auch die französischen Kriegsgefangenen gut behandelt." Dann hat er Befehl gegeben und der Leutnant ... hat mich zurückfahren müssen nach Stadelhofen. Er hat mir auch einen Zettel geschrieben, den ich auf dem Rückweg vorzeigen musste... Als wir in Stadelhofen zurück waren, war das Militär schon bereit zum Losfahren. Das waren Panzerwagen mit Maschinengewehren und Jeeps. Ich war mit meiner Fahne auf dem ersten Wagen. In Zusenhofen war am Morgen keine Kirche, weil die Franzosen herumgekreist sind. Deshalb war die Kirche erst am Abend. Und in dem Moment wie sie beendet war, sind wir gerade ins Dorf gefahren. Und der alte Gerdes und die Hodapp-Malerin waren die Ersten... Der alte Gerdes hat sogar gesagt: "Du gehörst in die Gemeinde-Chronik eingetragen!"
(Alois Müller, Jg. 1912)