Geschichten und Anekdoten, Teil 3
Jugendtreff in den 30er-Jahren
Vor dem Krieg haben sich die etwas älteren Kerle beis Scheibel Jörgs – heute Thal – unterm Nussbaum getroffen. Manchmal hat einer einen halben Eimer voll Most geholt und dann haben sie da gebechert. Es waren fast nur Kerle vom Zinken. Der Zinken war alles von der nördlichen Seite des Baches, die waren meistens für sich, vom Dorf auf der anderen Seite war fast niemand dabei. Unter 14, 15 Jahren ist keiner geduldet worden. Mädel waren weniger dabei.
(Josef Ebert, Jg. 1918)
Festumzug des Gesangvereins 1926
Punkt 2 Uhr setzte sich der auf der Straße nach Appenweier aufgestellte Festzug als endlose Kette in Bewegung. Voran die strammen Festreiter, denen der Radfahrverein auf geschmückten Rädern folgte. Dann kam die Musik und die von Fräulein Hauptlehrerin Stoll und Waldschütz reizend zusammengestellten Kindergruppen mit dem zierlichen "Kinderwägele". Ihnen folgte die neue Fahne, getragen von Festdamen, und der Patenverein Urloffen, denen sich die Festwagen mit einem Teil des Festausschusses und den Jubilaren anschloss. Hinter diesen gruppierten sich die geladenen Vereine. Der Zug ging durch die Straßen des Ortes nach dem Festplatz, wo sich der Hauptfestakt abspielte.
(Chronik MGV Fidelitas 2001)
Feste vor dem 2. Weltkrieg
1926 war das 25-Jährige vom Gesangverein aufs Kimmigs Matt (heute Schirmer). Da hat es die Tische wie heute noch nicht gegeben. Da hat der Gesangverein eine Fuhre Bretter gekauft. Dann haben sie Pfähle in den Boden gehauen und Bretter drauf genagelt. Das waren die Sitzbänke. Und die Tische hat man ein bissel breiter gemacht. Vom alten Weinzierle Schreiner hat es geheißen: Noch vor dem Fest hat er praktisch kein Brett Holz zum Schreinern gehabt und nach dem Fest hat er wieder genug Holz gehabt... Der war damals Vorstand. Bedienungen waren auch da wie heute. Aber Waldfeste sind damals auch schon gemacht worden.
(Josef Ebert, Jg. 1918)
Kimmigs Matt und Festplatz Wald
Auf Kimmigs Matt fanden vor dem Krieg Jubiläen und Feste statt, direkt am Stangenbach bei Schirmers. Da war eine Tanzbühne, ich habe da noch ein Bild mit Festdamen. Es waren Tische und Bänke gestellt. Ein Zelt gab es damals nicht. Und unser Musikverein hat Musik gemacht, auch beim Gesangverein. Eintritt wurde nicht kassiert, es wurden aber Tanzbändel verkauft. Die die gearbeitet haben, haben ihre Kosten selbst bezahlt. Die Vorstände haben die Dirigenten verhalten. Auch die Musiker haben ihr Essen und Trinken selbst bezahlt.
Nach dem Krieg ist man von der Kimmigs Matt an den Platz bei der jetzigen Freiwaldhalle gegangen. Dort waren Grundmauern einer Wehrmachtbaracke aus dem Krieg, dort war die Bühne. Der Musik- und der Sportverein haben zusammen eine Tanzbühne gekauft. Und daneben die 4,5 Podeste, wo die Musik drauf gehockt ist. Eintritt hat es keinen gekostet. Dann hat die Musik aufgehört und mein Vater ist auf die Bühne und hat kontrolliert, ob alle ein Tanzbändelchen haben. Auch war ein kleiner überdachter Stand da, wo das Bier und der Wein ausgeschenkt worden ist und es Wurstbrote gegeben hat. Unsere Musik hat immer ein Waldfest durchgeführt, auch bevor die Tanzbühne da war.

(Maria Ruf, geb. Ernst, Jg. 1923)
Hochzeiten um 1895
Einige Tage vor der Hochzeit wird zum Feste geladen. Das Brautpaar, mit Rosmarinzweigen in der Hand, geht von Haus zu Haus und lädt Verwandte und Freunde ein. Bei Brautleuten aus angesehenem Hause findet am Vorabend der Vermählung der Abschied von den Freunden der Schul- und Jugendzeit statt, entweder daheim oder im Gasthaus. Bei Hochzeiten angesehener Bauernsöhne wird noch der "Schuhwein" getrunken. Junge Burschen suchen der Neuvermählten beim abendlichen Mahl unter dem Tisch den Schuh zu rauben. Gelingt dies schwierige Stück, so muß der Bräutigam den Schuh wieder einlösen durch einen "Liter vom besten". Das in dem Schuh festgebundene Glas geht reihum, von den Ehrengästen bis zum jüngsten Gast, worauf die Burschen, die Kameraden des Schuhräubers, noch einige Liter aufgetischt erhalten
(Otto Schultheiß: Ortsbeschreibung 1895)
Alte Fasentbräuche in der Vorkriegszeit
Bei der Fasent gab es den Elferrat. Der Rufe Karl, der Vater vom Ruf Rudi, ... war mal in der Vorkriegszeit dabei. Da haben sie mal einen großen Wagen gemacht und ein paar ganz große Köpfe gehabt. Der ist mit Handorglern durchs Dorf gefahren. Dann ist man in Rudeln von einer Wirtschaft in die andere gerannt, 4 oder 5, die miteinander fort sind. Die Männer sind meistens in der Wirtschaft gehockt und die Frauen haben sich verkleidet. Grad die Ehefrauen waren besonders unterwegs. Männer haben sich selten verkleidet. Es waren drei Wirtschaften. Da war immer einer mit einer Handorgel drin und hat Musik gemacht. Da hat alles gesungen. Das meiste war immer im "Hirsch" los. Der Hirschwirt-Karl hat selber Musik gemacht. Der ist aber dann auch gefallen im Krieg. Es war früher schöner als heute in der Halle. Und es kostet halt auch Geld. Früher hat ein Musiker für 20, 30 Mark gespielt.
(Irmgard Kunz, geb. Nosch, Jg. 1922)
Schule früher
Ich bin beim Lehrer Schultheiß in die Schule gegangen. Der war ein richtiger Mann im Dorf. Meistens hat ein Lehrer das Dorf ein bisschen regiert und den Leuten geholfen in schriftlichen Sachen oder wenn sie ein Gesuch schreiben mussten. Er hatte auch die Post im Dorf unter sich. Nach dessen Pensionierung kam der Lehrer Mangold. Es gab noch Unterlehrer. Im 6. Schuljahr hatte ich das Fräulein Stoll als Lehrerin. Im alten Schulhaus waren im Erdgeschoss zwei Schulsäle, im Obergeschoss das Rathaus und Lehrerwohnungen. Später wurde vom Rathaus ein kleines Zimmer abgetreten, in dem dann das 6. Schuljahr unterrichtet wurde. Das 1. Schuljahr hatte alleine Unterricht. Das 2. und 3. Schuljahr wurden zusammen unterrichtet. Ebenso das 4. und 5. Schuljahr und das 7. und 8. Schuljahr. Vor den Lehrern hatte man einen großen Respekt. Es waren Autoritätspersonen und man hat ihnen nicht widersprochen.
(Rosa Haas, geb. Braun, Jg. 1910)
Auswanderung von Rudolf Ruf (1953)
Am 1. Dezember war es so weit, Abschied am Bahnhof in Offenburg. Dieser Tag blieb mir bis heute unvergesslich, denn es waren viele Zusenhofener Freunde und Verwandte am Bahnhof um "Good Bye" zu sagen. Ich habe heute noch das Offenburger Tageblatt Nr. 278 vom Dienstag, dem 1. Dezember 1953, mit all den Unterschriften und guten Wünschen von den Begleitern. Diese Zeitung habe ich schon vielmals betrachtet und an den Abschied gedacht, bis heute blieb sie bei mir. Es gab natürlich Tränen, als der Zug langsam den Bahnhof verließ. Ein Trost für mich waren meine beiden Brüder Josef und Erich, die mich nach Hamburg-Cuxhaven, ja sogar bis auf die "SS Atlantic" begleiteten. Pünktlich um 13 Uhr wurden die Anker gelichtet, die zehntägige Atlantiküberfahrt hat begonnen... Am 13. Dezember 1953 begrüßte die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen die Neueinwanderer auf der "SS Atlantic". Vom oberen Deck sahen wir zum ersten Mal die riesige Wolkenkratzerstadt mit dem Chrysler- und dem Empire State Building, unten am Pier konnte ich Onkel und Tante sehen.
(Rudolf Ruf)
Feldbähnle fahren (ca. 1937/38)
Im Dorf wurde Arbeitsdienst einquartiert. Die Männer wurden im Schulhaus untergebracht. Das gefiel uns schon mal. Aber dann auch, was sie arbeiteten. Sie mussten Schienen für eine Feldbahn verlegen... Am Wald draußen bauten sie eine Baracke. Das war das "Depot". Da wurde alles eingelagert! (so die "sachverständigen" Vermutungen unter uns Buben). In verschiedenen Richtungen verliefen dann die Schienen. Vorher musste aber alles immer eingeebnet werden, wo die Schienen dann hin sollten. Und kein einziger Kranen war damals dabei, kein Bagger, kein garnichts. Alle Erdarbeiten, alles Schienenschleppen, alles Schwellenschleppen mussten sie von Hand machen. Endlich kamen dann eine Menge kleine Feldbahnwagen dazu, die Loren, und ein paar wenige Lokomotivchen. Jetzt konnte das Rangieren losgehen.
Am Sonntag ruhte die Feldbahn. Da mussten die Buben sich die Sache mal etwas genauer ansehen. Die Lokomotivchen waren leider für uns nicht zugänglich, aber die Loren. Man meint, Zusenhofen sei eben. Aber nein: Überall war es ein bisschen häldig. Jetzt hieß es also, die Wägele an den höheren Ort zu schieben. Und dann ging es los! Drei, vier Mann schoben. Mit kleinem Anlauf kamen die Wagen schon ganz schön in Fahrt, jetzt schnell aufspringen und hui - rumpelten wir durch die Lande! Nur mussten wir aufpassen, denn die Arbeitsdienstler hatten am Sonntag Wachen aufgestellt. Und wenn so eine in Sicht kam, hieß es abspringen und so schnell wie möglich verduften. Der Wagen sauste weiter und sprang beim nächsten Hindernis aus den Schienen. Das machte den Loren nichts, die waren robust. Aber manchmal wurden doch Nachforschungen angestellt, wer denn die Lausbuben (und manchmal auch Luskrotte) waren, die das angestellt hatten. Da war dann schon gut, wenn man nicht erkannt worden war, was schon möglich gewesen wäre. Denn die Arbeitsleute waren ja schon lange genug im Ort, um den einen oder andern erkennen zu können.

(Gerhard Mangold, Jg. 1926)