Tracht von Zusenhofen
Die Trachten des vorderen Renchtales, also auch diejenige von Zusenhofen, verschwanden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Städtische Kleidung wurde mehr und mehr bevorzugt. Daher wussten auch die meisten Mitbürger von Zusenhofen von einer Tracht so gut wie nichts mehr und manche behaupteten sogar, Zusenhofen hätte nie eine Tracht besessen. Dennoch konnte mit Hilfe von Fotos, Zeitzeugen und wieder gefundenen Kleidungsstücken die Zusenhofener Tracht "rekonstruiert" werden:
In Zusenhofen wurde die Tracht bis ca. 1950 von einzelnen Personen getragen. Dazu gehörten das Ehepaar Josef und Theresia Müller sowie Elisabeth Panter, die 1947 starb. Auch die ehemalige Schweinehirtin Magdalena Fieß, die sich später nach Zimmern verheiratete, war in dieser Tracht bekannt.
Zusenhofener Tracht
Goldenes Hochzeitspaar Josef und Theresia Müller, geb. Wiegele, aus dem Jahr 1950.
Die Tracht von Zusenhofen, wie sie noch vor etwa 100 Jahren getragen wurde.
Die Jubelbraut war als Tochter des hiesigen Landwirtes Josef Wiegele am 27.10.1875 in Zusenhofen geboren, der Ehemann kam aus Haslach bei Oberkirch.
Kleidung der Frau:
Bluse: Unter dem Mieder wird ein weißes Leinenhemd getragen, das ellenbogenlange Ärmel hat. Ein Zwickel unter dem Oberarm verschafft Bewegungsfreiheit. Am Hals schließt das Hemd mit Knopf und Riegel. Manchmal ist es auch etwas weiter ausgeschnitten und mit Spitze verziert, dann aber ohne Verschluss.
Unterrock: Unter dem Rock trägt man einen karierten Unterrock, der denselben Zuschnitt hat wie der Oberrock. Oft ist ein Mieder aus gemustertem Stoff angenäht, welches vorne mit Haken geschlossen wird.
Oberrock: Der Rock besteht aus einem festen meist schwarzen Stoff. Er ist rückenbreit in Fältchen gelegt und hinten etwas länger geschnitten. Geschlossen wird er vorne, seitlich versetzt. Auch eine Tasche ist mit eingearbeitet. Der Saum ist mit einem andersfarbigen Stoff unterlegt und die Saumkante mit einem schwarzen Stoßband verstärkt.
Jacke: Als Oberteil trägt man einen schwarzen "Peter". Dabei handelte es sich um eine taillenlange Jacke aus feinem schwarzen Stoff, mit angeschnittenen Schößchen, die mit Drahtbügeln verstärkt sind. Oft ziert ein Koller, das mit schwarzen Blattranken und Blüten bestickt ist, die Schulterpartie. Der sogenannte "Peter" hat einen Stehkragen, lange schmale Ärmel, und ist mit dünnem schwarzem Stoff gefüttert. Er wird mittig im Vorderteil mit Wäschehaken und Ösen doppelt verschlossen. Im Winter trägt man darüber einen sogenannten "Schoben", eine Art Kostümjacke mit Kragen, der bis zur Taille körperanliegend und über die Hüften etwas weiter geschnitten ist. Er ist aus schwarzem Wollstoff gearbeitet und hat vorne in der Mitte eine einfache oder doppelte Knopfleiste.
Schal: Gewöhnlich tragen die Frauen ein kurzes buntes Halstuch, das um den Hals geknotet wird. An Festtagen trägt man ein Schultertuch über den "Peter". Das quadratische, tischdeckengroße Tuch ist aus feinem Wollstoff gefertigt und mit einem orangeroten Muster bedruckt. Schwarze Linien durchziehen das Tuch und die Kanten sind mit schwarzen Franzen umsäumt. Es wird zu einem Dreieck gefaltet, im Nacken in Falten gelegt, vorne über der Brust verschränkt und hinten am Rücken geknotet.
Familie Willi Walter besitzt noch zwei wunderschöne gewobene Tücher, die an den Kanten mit Ornamenten verziert und mit Franzen umrandet sind. Eine befragte Mitbürgerin erklärte, dass die dicken gewobenen Tücher im Winter getragen wurden, während der leichtere Stoffdruck im Sommer Verwendung fand, und bei Beerdigungen legte man statt des bunten Schals eine Art schwarze Stola mit Franzenborte um.
Schürze: Über den Rock gehört eine schwarze, in sich mit unterschiedlichen Blumenmotiven gemusterte Schürze aus Damast oder Taft. Diese Schürze bekommt durch kleine Falten am Bund Weite und ist fast rocklang. Es gibt eine leichtere Schürze für den Sommer und eine aus festerem Material für den Winter.
Haube: Als Kopfbedeckung dient ein flaches, in Falten gelegtes, schwarzes Kapotthütchen, dessen äußerer Rand umgeschlagen und unterschiedlich verziert ist. Der Hut ist durch eingearbeiteten Draht versteift. Zwei Seidenbänder, die am unteren Rand der Haube angenäht sind werden unter dem Kinn gebunden. Für die "Kapp", wie sie auch genannt wird, werden unterschiedliche Materialien verwendet. Eine der gefundenen Hauben ist aus Rosshaarstoff gefertigt, ein Material das heute nicht mehr hergestellt wird, und der Rand ist mit Pailletten und kleinen Perlen verziert. Ein anderer Hut ist aus Samt hergestellt und der Umschlag ist in Falten gelegt. Zur Ausschmückung werden schwarze Federn und ein künstliches Blumensträußchen in den Umschlag mit eingearbeitet. Von Zeit zu Zeit erhält die "Kapp" bei der Putzmacherin eine Auffrischung.
Eine Zeitzeugin berichtete, dass man zu Beerdigungen eine einfachere schwarze Haube ohne Verzierung, die sogenannte "Leidkapp" trug. Ältere Frauen sah man oft auch in der "Spitzkapp". Diese ist aus schwarzer Wolle gearbeitet, hat einen angenähten Schal aus dem selben Material und wird vorne am Hals mit Haken geschlossen. Der obere Teil ist zu einem Bommel zusammengezogen und mit schwarzem Band versetzt. Das Kopfteil ist innen mit schwarzem Baumwollstoff gefüttert.
Kleidung des Mannes:
Die meisten Männer kommen zu festlichen Anlässen im schwarzen Gehrock (Schwenker). Dazu tragen sie schwarze Hosen und eine Weste aus feinem Wollstoff, sowie ein weißes Leinenhemd mit Stehkragen, das im Brustbereich einen angeschnittenen Latz aufweist. An Festtagen wird am Hemd ein Oberkragen aufgeknöpft und ein schwarzes Halstuch darunter geknotet. Manche Männer tragen auch kürzere Jacken, ähnlich der heutigen Anzugsjacke.
Der Hut ist aus schwarzem, weichen Filz gearbeitet, hat eine breite Krempe und ein niederes Oberteil. Bei nicht so festlichen Anlässen tragen die Männer auch schwarze Wollmützen mit Umschlag, die wie gehäkelt aussehen.
Zusenhofener Tracht
Zur Verdeutlichung haben Birgit Schmieder und Patrik Grimmig die noch vorhandenen Trachtenkleider angezogen.
(Inge Schmieder)